HD in Deutschland - besser als sein Ruf

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Beim Thema HDTV schielen insbesondere Besitzer einer Satellitenanlage oft neidisch auf das vermeintlich unschlagbare Programmangebot in Großbritannien. Dabei sitzen deutsche Zuschauer in Sachen hochauflösendes Fernsehen schon heute in der ersten Reihe.

Der öffentlich-rechtliche Schritt ins HDTV-Zeitalter

Der Eindruck vieler Kritiker, die aufgrund der technischen Restriktionen auf die Plattform HD Plus schimpfen, die Wahl der 720p-Auflösung bei den öffentlich-rechtlichen Programmanbietern verteufeln und sich über den geringen Anteil an nativem HD bei vielen Anbietern ärgern, sollte über eines nicht hinwegtäuschen: In Deutschland sind nahezu alle relevanten Sendeanstalten hochauflösend auf Sendung. Wer sich auf die Suche nach Lücken begibt, wird eher abseits des Mainstreams fündig.

Konkret: Mit Das Erste HD und ZDF HD sowie dem deutsch-französischen Kulturkanal Arte sind bereits die drei Flaggschiffe des gebührenfinanzierten Fernsehens über Kabel und Satellit ohne zusätzliche Investitionen empfangbar. Mit der Abschaltung der analogen Satellitensignale öffnen sich die Pforten zu einem wahren HD-Schlaraffenland. Neben dem Kinderkanal von ARD und ZDF werden auch 3Sat, ZDFneo, ZDFkultur und ZDFinfo ab Anfang Mai 2012 hochauflösend über Astra 19,2 Grad Ost empfangbar sein.

Außerdem treten schrittweise auch die ARD-Dritten den Weg ins HD-Zeitalter an. ARD-Intendantin Monika Piel hatte bereits Anfang Februar am Rande einer Intendantenkonferenz in Köln bestätigt, dass die Dritten Programme von Westdeutschem Rundfunk, Norddeutschem Rundfunk, Bayerischem Rundfunk und Südwestrundfunk sowie der Dokumentations- und Ereigniskanal Phoenix zu diesem Termin in HD-Varianten auf Sendung gehen. Nach aktuellen Planungen des Senders werden Anfang 2014 die Fernsehprogramme von HR, MDR und RRB sowie EinsExtra und EinsPlus ebenfalls in HD ausgestrahlt.

Privates HD nicht zum Nulltarif - kleinere Lücken


Zur Strategie der Privatsender, für ein bereits werbefinanziertes Programm sowohl bei der Verbreitung im Kabel als auch via Satellit zusätzliche Gebühren zu erheben und den Zuschauer mit technischen Restriktionen wie Vorspulsperren zu ärgern, darf man stehen, wie man will. Auch hier gilt aber: Mit RTL, Sat.1, ProSieben, Vox, Kabel Eins und RTL 2 sind alle großen Anbieter in HD-Qualität auf Sendung. Auch der kleinere Privatsender Tele 5 ist mit reduzierter HD-Auflösung von 1 440 x 1080 Pixeln am Start. Außerdem steuern der Nachrichtensender N24, Nickelodeon/Comedy Central und Sixx ihren Teil zum HDTV-Zeitalter bei.

Unverschlüsselt stoßen der österreichische Privatsender Servus TV und der Serien- und Familienkanal Anixe dazu. In der Nische sind auch die Shopping-Sender HSE24, Sonnenklar TV und QVC aktiv. Kritik muss sich häufig Sport 1 HD wegen des quasi non-existenten Anteils an nativem HD gefallen lassen. Mit Sport1+ HD steht jedoch eine deutlich HD-lastigere Alternative im Pay-TV bereit, die durch den ebenfalls kostenpflichtigen Ableger Eurosport HD das Thema Live-Sport umfassend beackert. Sportdigital denkt zumindest über einen Einstieg in HDTV nach.

Damit bleibt im Privat-TV-Bereich eigentlich nur Das Vierte eine reine SD-Bastion. Bereits vor zwei Jahren hatte der Betreiber einen hochauflösenden Ableger angekündigt, aufgrund von Umstrukturierungen jedoch zurückgerudert. Im Nachrichtenbereich lassen N-TV und CNN International entsprechende Aktivitäten vermissen - aufgrund des Umstands, dass bei Krisenberichterstattung oft eher primitive Smartphone- und Handkameras anstelle von HD-fähigem Equipment zum Einsatz kommen, allerdings verzeihbar.


Pay-HD: Kein einheitliches Bild

Unterentwickelt präsentiert sich hingegen das Musikfernsehen. MTV schickt mit MTV Live HD einen Bezahlableger in 1080i auf Sendung, die hauseigene Tochter VH1 hält sich ebenso wie die Konkurrenten iMusic1, Yavido, Goldstar, Classica oder Go TV vornehm zurück. Der Deluxe-Music-Ableger Deluxe Lounge HD ist lediglich bei Kabel BW und Unitymedia am Start, Viva HD nur beim IPTV-Fernsehen Entertain der Telekom, auch Classica HD setzt auf exklusive Kooperationen. Gerade in diesem Segment ist die Verfügbarkeit an HD-Material nicht das Problem. Warum sich alle Sender auf Anfrage von DIGITALFERNSEHEN.de eher abwartend zeigen, bleibt damit unklar. Allerdings ist die Lage im Ausland auch nicht rosiger.

Nachdem HDTV zusätzliche Bandbreite auf dem Satelliten und in den Kabelnetzen beansprucht, ist auch klar, dass gerade im Pay-TV, das durch Abonnentenentgelte auch kleineren Anbietern eine Refinanzierung jenseits des Werbemarktes ermöglicht, das Angebot floriert. Von Discovery bis Disney, von ESPN über Planet bis National Geographic reicht hier neben dem Sky-Portfolio mit Filmen, Sport und 3D das Angebot. Im Unterhaltungsbereich sind mit 13th Street, AXN, Fox, Syfy und TNT die meisten Anbieter auch in HD vertreten. Leider schmälern hier viele Exklusivabkommen die Auswahl. Einige Anbieter sind bei Sky aktiv, andere bei den Kabelnetzbetreiber - nur wenige tanzen auf beiden Hochzeiten.


Der Tag, an dem die SD-Programme verschwinden ...

Für die Zukunft stellt sich dabei für den deutschen Markt vor allem eine Herausforderung: alle Sender möglichst über alle Verbreitungswege zugänglich zu machen. Die Einspeisung der zusätzlichen öffentlich-rechtlichen HD-Kanäle bei allen großen Kabelnetzbetreibern sollte man nach den Querelen um die Last-Minute-Einigung zwischen Kabel Deutschland und ARD/ZDF nicht als Selbstverständlichkeit voraussetzen. Gegensätzliche finanzielle Interessen könnten auch hier zu negativen Ãœberraschungen führen.

Klar ist trotzdem: der HD-Markt in Deutschland zählt zu den lebhaftesten und vielfältigsten in Europa. Und auch, wenn vereinzelt noch ein zu hoher Grad an hochgerechneten SD-Inhalten die Gesamtbilanz schmälert, so wird sich der Trend hin zum nativen HD allein aufgrund der weltweit erfolgenden Umrüstung von Fernsehstudios, Filmproduktionen und mobilem Live-Equipment mehr und mehr verstärken. Laut Prognose der GFU stehen bis Ende 2011 mehr als 31 Millionen HD-taugliche Fernseher und Set-Top-Boxen in deutschen Haushalten.

Man muss wohl kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass wir alle nach der Abschaltung der analogen Satellitenausstrahlungen zum 30. April 2012 den nächsten Schritt in die digitale Fernsehzukunft noch miterleben dürften: Den Tag, an dem sämtliche Sender ihren parallelen SD-Betrieb einstellen und der HDTV-Empfang zum De-facto-Standard erklärt wird. Die Weichen sind bereits gestellt.


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